Schreiben

Möchten Sie eine Rede, ein Buch oder eine wissenschaftliche Arbeit schreiben? Benötigen Sie Ideen und Inhalte für Ihr Kundenmagazin? 

Ich begleite Textprojekte von der Konzeption bis zur Drucklegung, schreibe für Sie Blogeinträge, Artikel, Medienmitteilungen oder führe Interviews. Ich bespreche mit Ihnen Ihre Texte, lektoriere sie oder lese Korrektur. Meine thematischen Schwerpunkte liegen im Gesundheitswesen, im kulturellen und im gesellschaftlichen Bereich.

Referenzen

Journalistin für NZZ, Berner Zeitung, Berner Kulturagenda, Bieler Tagblatt, DU Kulturmagazin, Aargauer Zeitung, Viceversa Literatur. 

Redaktionsleitung von «Passagen», dem Kulturmagazin der Schweizer Kulturstiftung mit der Verantwortung von der Heftkonzeption, Textarbeit und Lektorat, über die Organisation der Produktion und Distribution, bis zu Budgetierung und Evaluation. 

Lektorat u.a. beim Ammann Verlag sowie von diversen wissenschaftlichen Arbeiten. 

Korrektorat u.a. beim Hep Verlag. 

Unternehmenskommunikation für Pro Helvetia und das Stadttheater Bern.

Textproben

Interview mit Lukas Bärfuss

Ein Ausschnitt innerhalb eines grossen Schweigens

Er zählt zu den ganz grossen zeitgenössischen Dramatikern. Nun beweist Lukas Bärfuss mit seinem lang ersehnten zweiten Roman erneut sein schriftstellerisches Können und seine herausragende Position in der Schweizer Literaturlandschaft. In «Koala» setzt er sich mit dem Suizid des Bruders auseinander und damit zugleich mit einer langen Geschichte der Gewalt, die das menschliche Leben wie ein Schatten begleitet. Ein Roman, der an Grenzen rüttelt und gesellschaftliche Konventionen hinterfragt, der zu ergründen sucht, was im Dunkeln liegt und wovon der Blick, wenn immer möglich, abgewendet wird.
In einem Café in der Nähe seines Büros in Zürich spricht Lukas Bärfuss im grellen Sonnenlicht über totale Transparenz, den Wert des Lebens und den Punkt, an dem die Sprache endet.

AVA: Anfang März ist Ihr neuer Roman «Koala» herausgekommen. Erhalten Sie viele Reaktionen von Betroffenen?

Lukas Bärfuss: Ich werde tatsächlich sehr häufig angesprochen, schriftlich und mündlich. Es ist erschreckend zu erleben, wie viele Menschen von Selbstmord betroffen sind. Ich kannte natürlich die Statistik, aber ich hatte keine Vorstellung davon, wie flächendeckend dieses Phänomen ist. Und ich erfahre, dass Literatur als Kommunikationsmittel dient. Als Möglichkeit, einen Weg aus dem Schweigen zu finden.

Sie sind ein Schriftsteller, der immer wieder genau dort hinsieht, wo das Schweigen sitzt. Hängt das mit dem vielen Schweigen zusammen, in dem Sie aufgewachsen sind?

Das ist möglich, aber ich sehe Schweigen nicht nur negativ. Schliesslich entsteht die Literatur zwischen dem Schweigen.

Inwiefern?

Ein Text bewegt sich auf den Punkt zu, an dem die Sprache endet. Er ist ein Ausschnitt innerhalb eines grossen Schweigens und ohne dieses nicht möglich.

Das klingt fast positiv.

Schweigen heisst ja auch Stille. Sie ist nicht nur bedrohlich, sondern auch produktiv. Mich interessiert der Moment, an dem ich verstumme, aus Angst oder Ekel oder Unverständnis.

Verlangt das nicht unglaublich viel Selbstbeobachtung?

Vielleicht. Aber nicht, um die letzten Rätsel zu lösen. Ich benötige Geheimnisse, auch vor mir selbst. Totale Transparenz ist nichts Gutes.

Geheimnisse sind das eine, aber hängt Schweigen nicht auch mit dem Wunsch zu vergessen zusammen?

Bestimmt. Möglicherweise ist es auch ein Ausdruck von Irrationalität. Als könnte man mit Schweigen ein Unheil bannen. Die Medien beispielsweise berichten nur sehr zurückhaltend über Selbstmord, aus Angst vor Nachahmern. Dem wollte ich nachgehen. Warum kann Selbstmord zu einer Lösung werden, die man auf einmal auch will? Liegt es daran, dass die Argumente plötzlich offen auf dem Tisch liegen? Es gibt eine familiäre Tradierung, das heisst, wenn sich jemand aus der Familie das Leben genommen hat, so erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass es sich wiederholt.

In der Schweiz gibt es jeden Tag mehr als 40 Suizidversuche und vier vollzogene Suizide. Jeder Zweite hat jemanden durch Suizid verloren. Das sind ungeheure Zahlen.

Für den Menschen in einer säkularisierten Gesellschaft ist das Leben keine Vorbereitung auf das Jenseits. Es muss sich selbst genügen. Ein Schicksal gibt es nicht. Jeder ist alleine für sein Leben und seine Ausgestaltung, fürs eigene Glück und den eigenen Erfolg verantwortlich. Das ist eine grosse Verantwortung. Nicht alle können sie tragen. Falls man daran scheitert, kann die Niederlage auf niemanden abgeschoben werden.

Warum wird so wenig darüber gesprochen?

Weil niemand auf diese Gespräche Lust hat und die sich widersprechenden Gefühle kaum in vernünftige Sätze zu packen sind. Zwar kann man viel über den Selbstmord lesen, wenn man dann aber selber diese Erfahrung macht, ist man allein. Das ganze Wissen nützt einem nichts und man weiss nicht, worüber man reden soll. Über das Leben des Verstorbenen? Über die Tat? Oder über sich selbst und was nach der Tat mit einem passiert ist? Man will nicht, dass das Leben davor durch dieses eine Ereignis definiert wird. Der Selbstmord stellt die Erinnerung in Frage.

Ihr Erzähler ist gegen eine Bilanzierung des Lebens. Warum?

Ein Selbstmord folgt einer Bilanzierung dessen, was war, was ist und was noch sein könnte. Ich glaube aber, das Leben ist dann erfüllt, wenn man es nicht misst und die Dinge aus sich selbst heraus tut und nicht, weil sie einem Zweck dienen. Wir Zeitgenossen sollen uns immer weiter optimieren. Wir sollen uns fit machen. Effizienz und Tüchtigkeit sind gefordert, und man fragt sich manchmal, wo eigentlich der Rausch, die Ekstase und die Versenkung geblieben sind.

Ihr Roman ruft uns eine andere Lebensform in Erinnerung.

Die Antipoden waren die längste Zeit der Menschengeschichte ein Ort, wo alles möglich, vorstellbar und denkbar war. Utopia ist eine Insel auf den Antipoden. Im Moment ihrer geografischen Entdeckung aber wurde alles unternommen, um ein vollkommenes Ebenbild des bereits Vorhandenen und Vertrauten zu erschaffen. Das Buch ist in diesem Sinne auch eine Elegie, ein Trauergesang, auf all die ungenutzten Möglichkeiten.

Der Erzähler entscheidet sich aber erneut fürs Hamsterrad und die Fortführung seines bisherigen Lebens.

Es ist unsere Hoffnung auf Trost, dass sich doch wenigstens etwas verändern, oder gar zum Besseren wenden müsste. Irgendetwas müsste doch daraus zu lernen sein. Das gäbe dem Selbstmord einen Wert. Man könnte dann sagen, er sei nicht ganz umsonst gewesen. Und damit heisst man die Tat eigentlich gut. Aber ich hoffe doch, dass diese Lektionen auch auf anderem Weg zu machen wären. Und es diese Gewalt nicht braucht.

Zumindest im journalistischen Schreiben wird das Wort Selbstmord vermieden. Sie verwenden es ganz bewusst.

Was sind die Alternativen? Selbsttötung klingt gestelzt, Suizid ist ein Fremdwort und dadurch indirekt euphemistisch, und Freitod empfinde ich als Heroisierung. Die wenigsten Selbstmorde haben etwas mit Freiheit zu tun. Aber gleichgültig, wie man es nennt: Es ist fürchterlich und grausam, jemanden so zu verlieren. Gewalt ist nötig, um das Leben aus dem Körper zu entfernen. Das Wort Selbstmord bringt für mich etwas von diesem Gewaltakt zum Ausdruck.

Bereits 2005 haben Sie sich in Ihrem Theatertext «Alices Reise in die Schweiz» mit dem Thema Selbsttötung auseinandergesetzt. Inwiefern hat die persönliche Erfahrung Ihren Zugang verändert?

Ich hatte damals einen viel kälteren Blick. Es war eine sehr modellhafte Annäherung an das Thema.

Darin ging es in erster Linie um die Sterbehilfe.

Heutzutage wird oft der Grad des Leidens bemüht, um zu entscheiden, ob ein Leben noch lebenswert sei. Das halte ich für gefährlich. Insbesondere, wenn das Leiden der Würde entgegengesetzt wird. Damit werden Kategorien geschaffen, und diese setzen Kranke und alte Menschen unter Druck, sich und andere von dieser würdelosen Existenz und befreien.

Wie bewusst konnten Sie bei der Arbeit an Ihrem Roman zwischen Realität und Fiktion unterscheiden?

Für mich ist das ein falscher Gegensatz. Das eine bedingt vielmehr das andere. Unsere reale Welt folgt den Vorstellungen, die wir uns davon machen. Am Anfang steht immer eine Fiktion. In meiner Literatur geht es nicht um erfundene Geschichten. Sie ist für mich eine Methode, um ein Wissen zu schaffen, zu dem auf keine andere Weise ein Zugang möglich ist, nämlich mittels der Imagination. Und diese ist ein Teil der Realität.

Kurz:
Auch mit seinem zweiten Roman beweist Lukas Bärfuss wiederum sein schriftstellerisches Können und seine herausragende Position in der Schweizer Literaturlandschaft. In «Koala» setzt er sich mit dem Suizid des Bruders auseinander und damit zugleich mit einer langen Geschichte der Gewalt, die das menschliche Leben wie ein Schatten begleitet. Ein Roman, der an Grenzen rüttelt und gesellschaftliche Konventionen hinterfragt, der zu ergründen sucht, was im Dunkeln liegt und wovon der Blick sonst gerne abgewendet wird.
Ein Gespräch über totale Transparenz, den Wert des Lebens und den Punkt, an dem die Sprache endet.

2014 erschienen auf Viceversaliteratur.ch

Interview mit Paul Auster

Mit meinem Kollegen Armin Kerber führte ich im Sommer 2013 in New York für die Zeitschrift DU ein Interview mit Paul Auster. Eine schöne, irgendwie auch aufwühlende Begegnung mit einem Menschen, der noch immer gegen alte Geister anschreibt.

Kolumne über die Aufregung

Über die Aufregung

Immer diese Aufregung. Äusserst präsent und ergo ein beliebtes Schreibsujet. Im letzten «Pegelstand» waren es Roger F. und Roger K. Dieses Mal ist es ... ja, was genau? Eine persönliche Befindlichkeit? Es ist einige Tage her, da titelte das grösste Schweizer Boulevard-Blatt etwas in Richtung: Staatshilfe für Millionär. So knackig!

Und so verknappt, dass die Schlagzeile ungenau und damit eigentlich falsch ist wie so mancher Satz im entsprechenden Artikel. Aber für ein kleines Feuer genügt das alleweil. Weitere Medien wollten Zahlen und Fakten und die Staatshilfe rannte und lieferte. Ein schönes Beispiel, zeigt es doch gleich mehrere Dinge: 1. Aus der banalen Überlegung, wie ein inhaltlich korrekter Titel ausgesehen hätte, folgt nämlich die Erkenntnis: unmöglich und unattraktiv (weil zu komplex und zu lang). 2. Um die berechtigte Frage zu beantworten, die verallgemeinert lautet, was eigentlich mit unserem Steuergeld passiert, ist das Verständnis relativ komplexer Zusammenhänge nötig, die sich aber nur schwer in wenigen Sätzen oder als brisante Aufdeckung vermitteln lassen. Und die Medien sind immer seltener bereit, dafür entsprechend Platz zur Verfügung zu stellen. Womit ich einmal mehr bei meinem Langzeit-Lieblingsthema angelangt wäre: dem zunehmenden Versagen der Printmedien als vierte Macht. Ich verschone Sie ausnahmsweise damit, denn 3. Ich bin nicht neutral. Ich arbeite unter anderem für die Staatshilfe. Ich bin nicht wirklich unabhängig und auch nicht wirklich unbedarft. Und heute bin ich im Stress. Darum will ich auf keinen Fall ein Feuer zünden oder mit der Artikellänge ins Hadern kommen.

Also Flucht ins Private. Ich habe zwei Kater und zwei Näpfe. Klingt einfach. Hätten nicht beide jeden Tag den Verdacht, dass sich möglicherweise im Napf des anderen etwas Schmackhafteres befindet als im eigenen. Mehrmaliges Napftauschen während der Mahlzeiten ist die Folge. Dass ich nur wegen dem einen, dem greisalten Kater Futter für vier Franken die Dose beim Tierarzt kaufen muss (Stichwort Verstopfung), mag ein Detail sein. Trotzdem sind es vier Franken, die also auch der junge, gesunde Kater täglich verfrisst. Und die Moral? Wer sucht, der findet. Trotz grosszügiger Gleichbehandlung findet sich überall ein Vorwand für ein bisschen Aufregung.

2016 erschienen in der Berner Kulturagenda

Kolumne über die Zeit

Aus Fleisch und Blut

Ich habe mit meiner 92-jährigen Grossmutter eine Wette am Laufen. Sie behauptet, mein Grossvater sei zurück. Er lebt seit Jahren nicht mehr, kommt sie aber in letzter Zeit öfters besuchen. Meistens spricht er nicht mit ihr, weil er unzufrieden ist. Kürzlich aber hat er sie gebeten, ihm beim Anschieben eines Autos zu helfen. Weil ihr die Kraft dafür gefehlt hat, fühlt sie sich nun schuldig und schlecht. Da redet er endlich einmal und dann ändert es doch nichts. Wir haben nun abgemacht, dass sie ihn beim nächsten Besuch einfach zu mir runter schickt. Vielleicht klärt sich damit dann gleich, wer die Wette gewinnt.
Während sich meine Grossmutter ein Stockwerk über mir also mit Geistern herumschlägt, schlage ich mir unten mit überirdischer Musik (ja, wie sonst die grossartigen neuen Alben von Radiohead und James Blake mit einem Wort umschreiben?) die Zeit um die Ohren und schaue mir dazu im Netz die wechselnden Formationen des weltweiten Linienflugverkehrs an. Seit ich Flightradar24 kenne, kann ich stundenlang auf die Webseite mit den gelben Fliegerpunkten schauen. Nach 30 Minuten habe ich erstmals ein Flugzeug über Syrien gesehen, nach drei Tagen endlich eines, das beinahe über die Zentralafrikanische Republik geflogen wäre. Leider ist es dann plötzlich vom Radar verschwunden. Ob sich dort eine Art riesiges Bermuda-Dreieck befindet?
Das erinnert mich an eine Sendung mit David Copperfield, was jetzt aber ganz woanders hinführen würde. Jedenfalls: Sollten Sie einmal einen Flieger dieses Land, das den zweitletzten Rang im Demokratieindex einnimmt, durchqueren sehen, geben Sie mir doch Bescheid. Oder nein, halten Sie sich besser nicht mit solchen Dingen auf. Suchen Sie lieber die direkte Begegnung mit Menschen aus Fleisch und Blut. Zum Beispiel am Donnerstag in der Dampfzentrale, wo Julian Hetzel in der Performance «Sculpting Fear» die Auflösung einer kalten, digitalisierten Welt inszeniert.
2016 erschienen in der Berner Kulturagenda

Kolumne über das Vergessen

Demenz

Ich würde Sie ja gerne mit brandneuen Informationen rund um eine mögliche Fusion von Dampfzentrale und Schlachthaus Theater aufdatieren, nur leider dringt dazu seit längerem nichts mehr an die Öffentlichkeit. Der im Eifer der Emotionen ins Leben gerufene Blog kulturtransparent.be, der den Findungsprozess dokumentieren soll, wurde letztmals am 26. August 2015 aktualisiert.

Warten wir also ab und freuen uns in der Zwischenzeit über den Schweizer Buchpreis, den Lukas Bärfuss vor knapp zwei Wochen für «Koala» erhalten hat. Kürzlich besuchte ich eine Gesprächsrunde zum Thema Tabubrüche, an der Bärfuss und Arno Geiger auftraten. Während Bärfuss über den Suizid des Bruders sprach, ging es bei Geiger um die Demenz des Vaters, über die er in seinem autobiografischen Roman «Der alte König in seinem Exil» geschrieben hatte. Diesem Roman habe ich einiges zu verdanken – Literatur ist ja zuweilen nicht nur eine gute Unterhaltung, sondern auch ein praktischer Ratgeber.

Ich lebe seit drei Jahren mit meiner 90-jährigen Grossmutter zusammen. Im Frühling hat sie plötzlich begonnen für ihren jüngeren Bruder (der anderswo lebt und ebenfalls über 80 ist) Konfi-Schnitteli zu streichen, da er offenbar gleich in die Schule müsse. Oder sie stand mitten in der Nacht auf und suchte ihren Sohn, der seit 20 Jahren nicht mehr lebt. Ich war irritiert und fühlte mich überfordert. Anfangs schaute ich sie jeweils entgeistert an und versuchte sie von der Unsinnigkeit solcher Aktionen zu überzeugen. Ich verteilte in ihrer Wohnung Zettel, auf denen stand, welches Jahr wir zählten, wie alt sie war, wo sie lebte und wer alles nicht mehr lebte. In den entscheidenden Momenten vergass sie natürlich, dass diese Zettel existierten.

Dann las ich das Buch von Arno Geiger und begriff, dass es in dieser Situation nichts bringt, irgendetwas richtigstellen zu wollen. Fortan liess ich mich auf ihre Welt ein. Suchte sie jemanden, sagte ich, dass ich diese Person auf der Treppe gehört hätte und sie schon gegangen sei. Ich behauptete gesehen zu haben, dass mein Grossvater ein belegtes Brot mitgenommen habe und sie darum nicht für ihn zu kochen brauche. Das schonte meine Geduld und ersparte meiner Grossmutter die Verunsicherung. Irgendwann wurden ihre Medikamente neu eingestellt und seither ist alles wieder gut. Haben auch Sie schon aus der Literatur fürs Leben gelernt? Ich würde mich freuen, von Ihren Geschichten zu erfahren. Meine Kontaktangaben haben Sie ja noch von der letzten Kolumne.

2015 erschienen in der Berner Kulturagenda

Kolumne über sinnlose Fragen

Gedankenmeditation

Zu Beginn gleich eine Entschuldigung: Sie werden in den kommenden Zeilen leider nichts über den aktuellen Pegelstand des Berner Kulturflusses erfahren. In Vorbereitung dieser Kolumne habe ich zwar brav die Texte zum Kulturforum gelesen und recherchiert, wo kulturell allenfalls Feuer unter dem Dach sein könnte. Allerdings bin ich dabei auf nichts wirklich Nennenswertes oder Vertiefungswürdiges gestossen (abgesehen von einer neuen, temporären und offenbar grossartigen illegalen Bar in der Altstadt, worüber ich aber – Sie verstehen – nicht schreiben darf). Womöglich liegt es daran, dass ich nun seit sieben Wochen fern der Heimat unterwegs bin. Es sind denn auch gerade etwas andere Dinge, die mich beschäftigen. Zum Beispiel: Wissen Sie, was mit Ihren abgeschnittenen Haaren geschieht, die Sie im Coiffeursalon am Boden zurücklassen? Werden sie irgendwo verbrannt und müsste das nicht bestialisch stinken? Oder auch: Freuen sich eigentlich die Köche, wenn ihre Dekoration aus Karotten gegessen wird?

Es sind solche und ähnliche hochaktuelle und relevante Fragen, die mich derzeit umtreiben. Obwohl, das stimmt so nicht ganz. Sie haben mich während einer Meditationswoche in den Hügeln Sri Lankas, wo es keinen Strom, dafür gefühlte acht Stunden Sitzmeditation gab, umgetrieben. Da nicht nur Sprechen, sondern auch Schreiben und Lesen nicht erlaubt waren, zeigte sich mein Gehirn von seiner ganz kreativen Seite, um innere Ruhe zu vermeiden. Nachdem ich an den ersten beiden Tagen bereits die ganze Weiterreise im Kopf durchgeplant, alle ausstehenden Mails innerlich beantwortet und alle Termine von 2016 mehrmals fiktiv in meine Agenda eingetragen hatte, drohten mir am dritten Tag langsam die Gedanken auszugehen. Doch dann tauchten aus dem Nichts diese brennenden Fragen auf und hielten mich die nächsten 18 Stunden auf Trab. So viel zur Subjektivität von Relevanz. Falls Sie mir die Frage mit den Haaren beantworten können, bitte. Ich denke zwischendurch noch immer daran.

2015 erschienen in der Berner Kulturagenda

Kulturmagazin über 75 Jahre Pro Helvetia

Kulturmagazin über die Grenze

Kulturmagazin über Szenografie

Rezension von Jonathan Franzens Freiheit

Der trügerische Glanz von Freiheit

Lang ersehnt und sogleich hochgejubelt: Neun Jahre nach dem Megabestseller „Die Korrekturen“ veröffentlicht Jonathan Franzen ein neues, umfangreiches Familienepos unter dem nicht unprätentiösen Titel „Freiheit“.

Die amerikanische Literaturszene steht Kopf. Vor einigen Wochen zierte zum ersten Mal seit zehn Jahren wieder das Porträt eines Schriftstellers das Cover des Nachrichtenmagazins „Time“. Und spätestens seit Barack Obama „Freiheit“ als Ferienlektüre ausgewählt hat, monopolisiert eine Figur die ganze Aufmerksamkeit: Jonathan Franzen. Sein neuer Roman ist in aller Munde und wird mit einer breiten Palette von Superlativen überschüttet.

Bei der Lektüre von „Freiheit“ fallen zuallererst einmal die ziemlich deutlichen Parallelen zu seinem erfolgreichen Vorgänger auf: Wie in den kurz vor 9/11 erschienenen „Korrekturen“ steht eine amerikanische Familie der Mittelschicht über mehrere hundert Seiten im Zentrum. Anstelle der Lamberts in St. Jude sind es diesmal die Berglunds in St. Paul. Statt in den Neunzigern spielt die Handlung vorwiegen in den Nullerjahren, der aktuelle Präsident heisst nicht mehr Clinton, die Bezahlung mit Kreditkarte hat zugenommen und auch das Tragen von Flip-Flops. Wer „Die Korrekturen“ mochte, wird auch „Freiheit“ mögen. Also alles wie gehabt? Nicht ganz: Der neue Roman „Freiheit“ weist zwar inhaltlich gewisse Ähnlichkeiten auf, ist jedoch schnörkelloser, nüchterner und prägnanter. Dadurch noch kolossaler, apokalyptischer und sarkastischer. Und vor allem auch lustiger.

Die Berglunds sind eine Familie, die nach aussen glänzt und im Innern modert. Sie kennt nur Sieger oder Verlierer. Die Mutter Patty ist eine konkurrenzfixierte Sportskanone, Walter, der Vater, ein opferungswilliger Umweltschützer. Zusammen haben sie eine hochintelligente, fürsorgliche Tochter und einen beinahe korrupten Aufsteiger mit Wall-Street-Grinsen zum Sohn. Nichtsdestotrotz wird ihre Ehe irgendwann zum Gefängnis, „in dem die wöchentlich dreißig Minuten sexuellen Stresses, eine chronische, aber geringfügige Unannehmlichkeit darstellten, ähnlich der hohen Luftfeuchtigkeit in Florida.“ Wut und Selbstmitleid häufen sich an. Der Ausbruch wird unausweichlich. Nur dass es damit eben nicht so einfach ist, denn maximale persönliche Freiheit (beispielsweise Sex zu haben mit wem man gerade Lust hat) macht nicht unbedingt (zumindest nicht dauerhaft) glücklich. Was bleibt, ist die bittere Erkenntnis: Der Mensch ist grundsätzlich egoistisch und in erster Linie auf sein persönliches Wohl bedacht und somit ein Schweinehund. Jeder Versuch anders sein zu wollen, muss kläglich scheitern und lässt die menschliche Gattung nur noch beschämender aussehen. Niemand in diesem Roman ist sonderlich sympathisch, aber alle sind zutiefst menschlich. Jonathan Franzen gelingt es mittels der Berglunds aktuelle oder einfach relevante Themen wie die endlose Suche nach dem Lebenssinn, der Umgang mit Treue, erfolgreiche Kindererziehung, bedrohliche Überbevölkerung, politisches Bewusstsein und korrekter Umweltschutz ohne moralinsaures Werturteil anzusprechen. Dank seiner brillanten Erzählerweise und Beobachtungsgabe spielen sich die Geschehnisse ganz nah an unserem eigenen Leben ab und der dicke Wälzer liest sich leicht und zieht den Lesenden in seinen Bann. „Freiheit“ ist ein präzises, intelligentes, hartes und doch humorvolles Gesellschaftsporträt unserer Zeit. Zum Glück und zu Recht wird ihm so viel Beachtung geschenkt.

Jonathan Franzen: «Freiheit». Roman. Aus dem Amerikanischen von Bettina Abarbanell und Eike Schönfeld. Rowohlt Verlag, 736 Seiten.

2010 erschienen in der Berner Zeitung

Schlaglicht auf Richard Yeats

Von einem Chronisten des Versagens

Eine Entdeckung: Der Amerikaner Richard Yates hat Texte über gescheiterte Existenzen verfasst – schmerzhaft und zärtlich zugleich.
Der amerikanische Autor Richard Yates hatte drei Passionen: Schreiben, Rauchen und Trinken. Während die beiden letzteren zu seinem Tod führten, hielt erstere ihn am Leben. Mit 25 Jahren bestieg Richard Yates in New York ein Schiff und reiste nach Paris, um sein Leben als Schriftsteller zu beginnen. In der französischen Metropole, die er von der Zeit bei der Armee während dem Zweiten Weltkrieg her kannte, entstanden seine ersten Kurzgeschichten. Zehn Jahre später und längst wieder zurück in den USA, wurde sein erster Roman „Revolutionary Road“ (auf deutsch „Zeiten des Aufruhrs“) veröffentlicht und sogleich für den National Book Award nominiert. Damit hatte er bereits 1961 den Höhepunkt seiner Karriere erreicht. Keines seiner späteren Werke erlangte einen ähnlichen Erfolg.

In seinem Romandebüt greift Yates auf, womit er sich fortan in Variationen immer wieder beschäftigen wird: Gescheiterte Existenzen. Obwohl Frank und April Wheeler eigentlich über gute Voraussetzungen für ein glückliches, erfülltes Leben verfügen, – hindern ihre eigene Überheblichkeit und die Angst vor radikalen Entscheidungen sie daran. Ihr tristes Leben voller nicht eingelöster Versprechen und unerfüllten Hoffnungen endet in der Sackgasse einer Vorstadthölle. Yates’ messerscharfe und doch zärtliche Beobachtungen erlauben einen derart tiefen Einblick in die seelischen Zustände seiner Figuren, dass ihre Verletzlichkeit trotz aller Widerwärtigkeiten erkennbar wird. Meist sind die Protagonisten kettenrauchende Alkoholiker mit Eheproblemen. Sie ähneln Richard Yates.

Nach sechs weiteren Romanen, zwei Bänden mit Kurzgeschichten und zwei gescheiterten Ehen stirbt Yates 1992 vereinsamt und von der literarischen Welt vergessen in Birmingham (Alabama) an einem Lungenleiden. Trotz 41 Jahren intensiven Schreibens ist sein Epos nicht eben umfangreich geworden, worunter der Autor bereits zu Lebzeiten litt. Gründe dafür gibt es einige: Zum einen war er finanziell auf andere Einnahmequellen angewiesen. Er musste unterrichten, als Ghostwriter arbeiten und Drehbücher verfassen. Zum anderen war er ein langsamer Schreiber, der von sich erzählte, dass es für ihn ein Erfolg sei, nach acht Stunden vier- bis fünfhundert Wörter niederschrieben zu haben. An „Revolutionary Road“ beispielsweise arbeitete er fünf Jahre.

Heute, sechzehn Jahre nach seinem Tod, ist Richard Yates bekannter denn je. Im Dezember schaffte „Revolutionary Road“ den Sprung in die Bestsellerliste der New York Times. Doch nicht erst seit der Romanverfilmung ist das Interesse an Yates’ Werk gewachsen. War zu seinen Lebzeiten einzig sein Erstling auf Deutsch erhältlich, so sind seit 2002 zwei weitere Romane übersetzt, sowie die beiden Sammlungen mit Kurzgeschichten herausgegeben worden. Heute ist Richard Yates ohne Zweifel zu den Klassikern der modernen amerikanischen Literatur zu zählen.

Richard Yates: Zeiten des Aufruhrs. Roman. DTV, 384 Seiten.

2004 erschienen in der Berner Zeitung

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